Musikdokumentationsstelle
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Gerold Amann
Biographie |
Im Wettstreit mit sich selbst
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Der Organist und Komponist Bruno Oberhammer ist international als Improvisator anerkannt, er konzertiert in aller Herren Länder und wird oft als Juror zu Orgelimprovisationswettbewerben eingeladen. Sein Wissen fasste er in einer Dissertation über „Orgelimprovisationsschulen im 20. Jahrhundert“ zusammen. Eine große Liebe hegt der in Höchst lebende und seit Jahren am Landeskonservatorium tätige Musiker für historische Orgeln des Landes. Seit vielen Jahren ist Bruno Oberhammer Kurator der Bludescher Orgeltage, darüber hinaus betreut er eine CD-Reihe des ORF, in der historische Orgeln Vorarlbergs porträtiert werden. Im Gespräch mit Silvia Thurner erklärt der Organist den künstlerischen Schaffensprozess während des Improvisierens, gibt Antworten auf eine zeitgemäße Musikpädagogik und verrät Tricks, die ein origineller Improvisator für sich selbst nutzen kann. Inwieweit kann man Improvisation lernen und lehren und gibt es viele Begabungen dafür? Lehr- und lernbar ist das Handwerk, aber was ich mit diesem Handwerk in einer konkreten Situation anfange, das ist nicht programmierbar. Dort zeigen sich die Anlage und die Begabung für die Improvisation. Begabungen werden in der herkömmlichen Musikpädagogik zuwenig oder gar nicht geweckt. Das ist nicht auf die Orgel im Speziellen bezogen. Viele musizierende Kinder werden schon in früher Jugend auf das Abspielen, das Nachäffen, gedrillt. Das Entscheidende ist die Weckung der Neugierde und dann die Überwindung der Hemmschwelle. Sobald man anfängt Noten zu lernen und nach Noten zu spielen ist das meiner Ansicht nach schon die erste Schaufel für das Grab der Improvisation. Viele vergessen, dass die Musik prinzipiell nicht auf die Schriftlichkeit angewiesen ist, und wenn man Improvisieren will, muss man weg von den Noten. ... das spontane Erfinden Laut Definition ist es das unvermittelte Produzieren, ohne jede Vorbereitung. Ich improvisiere seit ich Orgel spiele, aber ich habe erst nach und nach verstanden wie komplex und kompliziert die Materie wirklich ist. Ich unterscheide zwischen dem kreativen Hören, das ist das Voraushören, und dem konsekutiven Hören, damit ist das Zuhören gemeint. Der Improvisator muss beides können, er muss voraus hören und hinterher hören und darüber hinaus in der Gegenwart Musik produzieren. In diesem Zusammenhang habe ich auch sportwissenschaftliche Literatur studiert. Man muss sich einmal vorstellen, was der menschliche Körper zu leisten im Stande ist. Das Zentralnervensystem und das Nervensystem der Skelettmuskulatur haben eine Leitfähigkeit von 125 m/s, das entspricht einer Geschwindigkeit von 450 km/h. Weiters gibt es das Diktat der Finger und der Füße. Durch das Üben speichert das Gehirn Automatismen und Bewegungskoordinationen. Wenn man diese eingeübten Bewegungen ausführt, kann es sein, dass im Gehirn durch diese Ausführungen andere Gehirnteile gereizt werden und weitere Bewegungen zugeschaltet und abgerufen werden. Das lässt sich allerdings nicht eruieren und kein Neurologe hat dazu einen Zugang. Das ist letztlich eine individuelle Sache und darin liegt auch die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit. ... offen für Neues Einen Leitfaden nimmt wohl jeder Improvisator mit an die Orgel. Ich lege mir im Kopf ein Konzept zurecht, aber ich nehme keine Aufzeichnungen mit. Allerdings liegt bei jeder Improvisation meine Uhr auf dem Notenpult, denn die musikalische Zeit ist eine ganz andere als die so genannte reale Zeit. Jederzeit die Offenheit für etwas Neues zu haben, ist sehr wichtig. Allgemein wird angenommen, dass es am schwierigsten ist, eine Fuge zu improvisieren, teilst du diese Ansicht auch? Bis man eine Fuge improvisieren kann, ist es ein weiter Weg. Aber ich glaube, dass das nicht das Schwierigste ist, das Schwierigste ist das Erfinden von neuer Musik. Manche, darunter auch der Musikwissenschaftler Karl Dahlhaus sind der Meinung, Improvisation darf niemals neu sein, sondern es soll über musikalische Formeln improvisiert werden. Aus meiner eigenen Tätigkeit bin ich überzeugt, dass Neues prinzipiell durch die Improvisation geschaffen werden kann. Der Prozess des Improvisierens ist im Prinzip nur eine Raffung des Komponierens. Dort hat man mehr Zeit für die Reflektionstätigkeit, aber im Grunde ist es genau die gleiche Tätigkeit, nämlich das Erfinden von Musik. Das Schöpferische selbst soll bei beiden präsent sein. ... Improvisation im Unterricht Seit 1970 sind sechzehn Improvisationsschulen erschienen. Wie erklärst du dir den derzeitigen Trend zur Improvisation? Ich glaube, dass das Bestreben zur Improvisation in der Individualität jedes einzelnen begründet liegt und eine Antwort auf die Nivellierung des Einzelnen in unserer Welt ist, der sich nicht jeder aussetzen mag. Stellt sich dann die Frage, warum das im Jazz und an der Orgel so ausgeprägt und im anderen klassischen Bereich nicht so üblich ist? Inzwischen beschäftigen sich schon viel mehr Musiker mit der Improvisation, auch im Klavierbereich und in anderen Instrumentalfächern. Ich glaube, dass viele erkannt haben, dass das ewige Abspielen nur ein Drill ist, mit dem man nicht mehr weiter kommt. Erfreulicherweise gibt es auch im musikpädagogischen Bereich Bemühungen, improvisatorische Elemente viel stärker in den Unterricht einzubauen. Man sollte die Kleinen nicht mit Theorie belasten, weil sie dann zuviel an Regeln denken. Sie sollen darüber nachdenken, was sie im Moment gemacht haben. Wo ist für dich eine Improvisation eine bloße Illustration und das Spiel mit Klangfarbeneffekten und welches sind Qualitätsmerkmale einer Improvisation? Das ist eine sehr komplexe Frage, die in das Problem von Beurteilungen von Improvisationen hinein rührt. Irgendwo braucht man einen Ansatz, um eine Improvisation bewerten zu können. Illustrieren will ich persönlich nicht, weil das für mich ein relativ äußerliches Tun ist. Wenn ich nur mit Klangfarben improvisiere, dann illustriere ich unwillkürlich. Wenn ich aber anfange, mit musikalischem Material, egal ob Rhythmik oder Melodik, zu arbeiten, dann bin ich schon über diese Stufe hinaus. ... Fehler als neue Impulse Welche Tricks gibt es für das Gelingen einer Improvisation? Das Instrument ist die Verlängerung des eigenen Körpers, deshalb muss man das Instrument in allen Nuancen, dessen es fähig ist, im Griff haben. Schon wenn man ein Register sieht, muss man eine Klangvorstellung für sich selbst aufbauen können, dann entscheidet der Augenblick. Einem Improvisator kann etwas, was dem einen als Störfaktor erscheinen mag, als Gewinn vorkommen, z.B. Spielgeräusche eines Instrumentes, die als perkussive Elemente eingebaut werden können. Außerdem beinhalten Missgeschicke, Spiel- und Registerfehler immer eine Chance für etwas Neues, da muss es im Hirn blitzen. Danke für das Gespräch. |